Damit die Beziehung wachsen kann: Liebe braucht Dünger

von Gerlind Hartwig

01. Dezember 2017

Jahrelang beschwerte sich eine gute Bekannte über ihren Mann. Nicht ganz zu Unrecht. Immer war sie es, die die schweren Winterreifen des gemeinsamen Geländewagens aus dem Keller schleppen musste, während er mit etwas vermeintlich wichtigerem beschäftigt war. Auch all die anderen körperlich herausfordernden Arbeiten blieben an ihr hängen. Was ihr allerdings nicht klar war: Sie hatte ihn bereits mit dieser Eigenschaft geheiratet. Nur hatte sie dies während der Verliebtheits-Phase nicht bemerkt.

Grundlage dafür, dass Liebe wachsen kann: Sich und seinen Partner fürs Leben zu kennen

Was ist mir, was meinem Partner besonders wichtig? Welche Werte wie Vertrautheit, Achtung, Vertrauen, Leidenschaft, Respekt, Zugehörigkeit, Rücksicht oder Verständnis sind uns unerlässlich? Sind die Bedürfnisse sehr unterschiedlich, hilft nur das offene, empathische Gespräch. Nicht als Vorwurf formuliert („Nie bist du für mich da“), sondern aus der Ich-Perspektive („Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen.“). Das verhindert Missverständnisse und ernsthafte Defizite.

Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß

Den Partner über die eigene Identität und eigenen Bedürfnisse im Unklaren zu lassen ist nicht wirklich konstruktiv für eine Beziehung. Besser als zu rätseln oder rätseln zu lassen ist es, wenn ein Paar sich über ihre Werte austauscht. Nur so können beide herausfinden: Kann ich mit dem, wie der andere eingestellt und „gestrickt“ ist, überhaupt leben? Reicht mir das aus? Setzen wir zu unterschiedliche Schwerpunkte? Wenn für den einen Treue sehr wichtig ist, für den anderen aber kaum, dann herrscht hier eine gravierende Diskrepanz, die im Vorfeld geklärt werden sollte.

Unnötigen Stress eliminieren

Angenommen der eine möchte in engem Kontakt mit der gesamten Verwandtschaft bleiben, dem anderen geht aber schon die eigene Sippschaft gehörig auf die Nerven. Auch in einem solchen Fall gibt es Klärungsbedarf, wie dieser Lebensbereich in Zukunft geregelt werden soll. Ohne offene Kommunikation könnte der Familienmuffel jedes Mal denken: „Oh nein, schon wieder Besuch!“ Oder: „Muss sie schon wieder wegfahren?“. – Unnötiger Stress für eine Beziehung.

Wo hört Kompromissbereitschaft auf, wo fängt Egoismus an?

Was tun, wenn ich die Werte des Partners kenne, es mir aber schwerfällt, sie zu respektieren? Da muss ich abwägen: Wie sehr leide ich unter dem Wert des anderen oder er darunter, dass ich seinen Wert nicht teile? Ist das reiner Egoismus? Vielleicht komme ich – um im Beispiel oben zu bleiben – mit meiner Schwiegermutter partout nicht klar.

Mir persönlich ist meine Familie so wichtig, dass mein Mann inzwischen in Kauf nimmt, dass meine vier Geschwister mit Kind und Kegel samt meinen Eltern am zweiten Weihnachtsfeiertag bei uns einfallen. Und das, obwohl er in diesen Tagen üblicherweise sehr ruhebedürftig ist. Ich rechne meinem Mann hoch an, dass er aus Liebe zu mir alle Jahre wieder diesen Kompromiss eingeht.

Gemeinsame Rituale stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl

Liebe wächst auch dadurch, dass man sich gemeinsame Auszeiten nimmt – unabhängig von den Erwartungen anderer. Solche Vitaminspritzen für die Beziehung müssen nicht mal Geld kosten. Es reicht, sich bewusst Zeit zu nehmen und sich diese Auszeit zu gönnen. Was spricht gegen ein romantisches Candlelight-Dinner im eigenen Wohnzimmer, wenn die Kinder im Bett sind? Solche Zeiten der aktiven Zweisamkeit leisten einem Paar einen größeren Dienst als nur nebeneinander auf dem Sofa zu sitzen und sich mit unterschiedlichen Dingen zu beschäftigen.

Miteinander reden ist aus meiner Sicht sowieso ein ganz wichtiger Schlüssel zum Herzen des Partners. Nicht nur über Banalitäten des Alltags, auch über sich selbst oder in Form von Anteil nehmenden Fragen. Mein Mann wurde vor einigen Jahren nach Berlin versetzt, wodurch wir nur noch die Wochenenden für uns hatten. Damals gewöhnten wir uns ein Morgenritual an, das wir bis heute beibehalten haben: Wenn unsere Kinder noch schlafen, trinken wir – wenn immer möglich – im Bett einen Kaffee miteinander und sprechen über alles, was uns auf der Seele brennt. Eine kostbare Zeit, die wir nicht mehr missen wollen. 

Also auch nach der Hochzeit gilt: Nichts für selbstverständlich halten

Liebe muss sich immer wieder beweisen. Jeden Tag. Das kann sich beispielsweise durch Zärtlichkeit oder Anteilnahme ausdrücken. Liebe kann aber auch durch gemeinsame Erlebnisse wachsen, selbst durch schwere. Wenn zwei Menschen dabei feststellen, dass sie sich aufeinander verlassen können, schweißt sie das noch mehr zusammen.

In der Liebe geht es darum, miteinander verbunden zu bleiben. Das kostet manchmal Mühe. Doch schon kleine, regelmäßige Investitionen in die eigene Beziehung sind der beste Dünger für eine stabile Einheit, die allen Widrigkeiten dieser Welt trotzen kann. Auch noch lange nach der Hochzeit.

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