Mein persönlicher Gänsehaut Moment: Wenn die Braut erscheint!

von Gerlind Hartwig

15. Dezember 2017

Eine gefühlte Ewigkeit

Kribbelige Aufgeregtheit liegt in der Luft. Markus, mein heutiger Bräutigam reibt sich nervös die Hände. Immer wieder verlagert er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Schaut fast im Sekundentakt auf die Zeiger seiner silbernen Armbanduhr. Dann zu mir, neben sich zu seinem Trauzeugen, zu den Gästen. Es erscheint mir fast wie eine Endlosschleife. Tatsächlich sind gerade mal 4 Minuten vergangen. Seit Jasmin, die Trauzeugin, mir ins Ohr flüsterte, dass Nadine gleich vorfährt. Für Markus eine kleine Ewigkeit. Meine Uhr zeigt 14.01 Uhr an, als ich Nadine mit ihrem Vater sehe. Wow! Ich bin überwältigt. Eine wunderschöne Braut. Eine glückliche Braut.

Ed Sheeran hätte nicht besser singen können

Einen kurzen Augenblick gönne ich noch Vater und Tochter. Einen Augenblick, um noch einmal Luft zu holen und durchzuatmen. Mit einer Handbewegung bitte ich alle Gäste aufzustehen. Sie drehen sich um. Alle sind gespannt. Jeder möchte die Braut sehen. Fast unmerklich nicke ich dem Sänger zu. Er entlockt seiner Gitarre melodische Töne. Die ersten Worte des Liedes ertönen: I found a love for me – (Ich habe meine Liebe gefunden). Mein Gefühl ist, Ed Sheeran hätte „Perfect“ nicht perfekter singen können.

Er flüstert ihr leise ins Ohr

In Markus Augenwinkeln sehe ich kleine Tränchen glitzern. Er ist so nervös und gerührt. Langsam schreitet Nadine am Arm ihres Vaters durch die Gästereihen. Und mit jeder erreichten Reihe drehen sich die Menschen wieder nach vorne. Taschentücher werden genommen, um Tränen weg zu tupfen.
Nadine nimmt ihren Vater in den Arm. Herzlich drückt sie ihm einen leichten Kuss auf die Wange. Er flüstert ihr etwas ins Ohr und sie nickt ihm zu. Dann umarmen sich auch der Brautführer und Markus freundschaftlich. Der Brautvater geht zu seinem Sitzplatz. Und auch Nadine und Markus setzen sich auf ihre Stühle. Wir lauschen noch den letzten Klängen der gefühlvollen Musik und lassen kurz die Stille wirken.

Mein Herzschlag setzt kurz aus

Wie oft habe ich den Einmarsch der Braut schon als Freie Hochzeitsrednerin miterlebt? Schon unzählige Male. Und trotzdem setzt mein Herz immer wieder einen kleinen Augenblick aus, wenn ich die Braut sehe. Wie Sie auf mich zukommt. Mit all ihren Erwartungen und Wünschen und Vorstellungen an mich und an die Zeremonie.

Von einem Schutzverhältnis ins andere?

Manchmal werde ich gefragt: „Wie macht man das heute so, den Einmarsch?“ Bei den meisten meiner Freien Hochzeiten ist es tatsächlich so, dass die Braut von ihrem Vater zur Trauung begleitet wird. Auch wenn wir Frauen modern sind und nicht mehr von einem „Schutzverhältnis“ – dem des Vaterhauses in das neue – dem des Bräutigams übergeben werden. Diese Zeiten sind in Deutschland lange vorbei. Und doch ist ein schöner und alter Brauch.

Der Hochzeitseinzug – welche Arten gibt es?

Jedoch ist er nicht immer möglich oder gewünscht. Zum Beispiel, wenn der Brautvater nicht mehr lebt, oder kein Kontakt besteht. Eine wichtige Bezugsperson übernimmt dann die Rolle des Brautführers. Manchmal ist es der Bruder oder die Schwester, die Oma, der Opa, der Sohn, die Tochter oder auch ein anderer wichtiger Mensch. Manchmal schreitet auch das Brautpaar Hand in Hand gemeinsam durch die Gästereihen zum Trautisch nach vorne zu mir. Für die beiden ein Zeichen: „Wir gehen den Weg gemeinsam.“ Bei einer weiteren Möglichkeit wartet der Bräutigam vorne auf seine Braut, die alleine auf ihn zu schreitet.

Mein persönlicher Gänsehaut Moment

Gibt es ein Richtig oder Falsch? Nein, ich finde, jedes Paar darf für sich selber die Art des Hochzeitseinzuges auswählen. Den Hochzeitseinzug, der zu ihm passt. Ob mit Trauzeugen, Brautjungfern, mit Brautführer, als Paar oder alleine.

Was alle Einzüge gemein haben ist jedoch das. Sobald ich die Braut sehe, setzt mein Herzschlag kurz aus. Mein persönlicher Gänsehaut Moment!

Damit die Beziehung wachsen kann: Liebe braucht Dünger

von Gerlind Hartwig

01. Dezember 2017

Jahrelang beschwerte sich eine gute Bekannte über ihren Mann. Nicht ganz zu Unrecht. Immer war sie es, die die schweren Winterreifen des gemeinsamen Geländewagens aus dem Keller schleppen musste, während er mit etwas vermeintlich wichtigerem beschäftigt war. Auch all die anderen körperlich herausfordernden Arbeiten blieben an ihr hängen. Was ihr allerdings nicht klar war: Sie hatte ihn bereits mit dieser Eigenschaft geheiratet. Nur hatte sie dies während der Verliebtheits-Phase nicht bemerkt.

Grundlage dafür, dass Liebe wachsen kann: Sich und seinen Partner fürs Leben zu kennen

Was ist mir, was meinem Partner besonders wichtig? Welche Werte wie Vertrautheit, Achtung, Vertrauen, Leidenschaft, Respekt, Zugehörigkeit, Rücksicht oder Verständnis sind uns unerlässlich? Sind die Bedürfnisse sehr unterschiedlich, hilft nur das offene, empathische Gespräch. Nicht als Vorwurf formuliert („Nie bist du für mich da“), sondern aus der Ich-Perspektive („Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen.“). Das verhindert Missverständnisse und ernsthafte Defizite.

Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß

Den Partner über die eigene Identität und eigenen Bedürfnisse im Unklaren zu lassen ist nicht wirklich konstruktiv für eine Beziehung. Besser als zu rätseln oder rätseln zu lassen ist es, wenn ein Paar sich über ihre Werte austauscht. Nur so können beide herausfinden: Kann ich mit dem, wie der andere eingestellt und „gestrickt“ ist, überhaupt leben? Reicht mir das aus? Setzen wir zu unterschiedliche Schwerpunkte? Wenn für den einen Treue sehr wichtig ist, für den anderen aber kaum, dann herrscht hier eine gravierende Diskrepanz, die im Vorfeld geklärt werden sollte.

Unnötigen Stress eliminieren

Angenommen der eine möchte in engem Kontakt mit der gesamten Verwandtschaft bleiben, dem anderen geht aber schon die eigene Sippschaft gehörig auf die Nerven. Auch in einem solchen Fall gibt es Klärungsbedarf, wie dieser Lebensbereich in Zukunft geregelt werden soll. Ohne offene Kommunikation könnte der Familienmuffel jedes Mal denken: „Oh nein, schon wieder Besuch!“ Oder: „Muss sie schon wieder wegfahren?“. – Unnötiger Stress für eine Beziehung.

Wo hört Kompromissbereitschaft auf, wo fängt Egoismus an?

Was tun, wenn ich die Werte des Partners kenne, es mir aber schwerfällt, sie zu respektieren? Da muss ich abwägen: Wie sehr leide ich unter dem Wert des anderen oder er darunter, dass ich seinen Wert nicht teile? Ist das reiner Egoismus? Vielleicht komme ich – um im Beispiel oben zu bleiben – mit meiner Schwiegermutter partout nicht klar.

Mir persönlich ist meine Familie so wichtig, dass mein Mann inzwischen in Kauf nimmt, dass meine vier Geschwister mit Kind und Kegel samt meinen Eltern am zweiten Weihnachtsfeiertag bei uns einfallen. Und das, obwohl er in diesen Tagen üblicherweise sehr ruhebedürftig ist. Ich rechne meinem Mann hoch an, dass er aus Liebe zu mir alle Jahre wieder diesen Kompromiss eingeht.

Gemeinsame Rituale stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl

Liebe wächst auch dadurch, dass man sich gemeinsame Auszeiten nimmt – unabhängig von den Erwartungen anderer. Solche Vitaminspritzen für die Beziehung müssen nicht mal Geld kosten. Es reicht, sich bewusst Zeit zu nehmen und sich diese Auszeit zu gönnen. Was spricht gegen ein romantisches Candlelight-Dinner im eigenen Wohnzimmer, wenn die Kinder im Bett sind? Solche Zeiten der aktiven Zweisamkeit leisten einem Paar einen größeren Dienst als nur nebeneinander auf dem Sofa zu sitzen und sich mit unterschiedlichen Dingen zu beschäftigen.

Miteinander reden ist aus meiner Sicht sowieso ein ganz wichtiger Schlüssel zum Herzen des Partners. Nicht nur über Banalitäten des Alltags, auch über sich selbst oder in Form von Anteil nehmenden Fragen. Mein Mann wurde vor einigen Jahren nach Berlin versetzt, wodurch wir nur noch die Wochenenden für uns hatten. Damals gewöhnten wir uns ein Morgenritual an, das wir bis heute beibehalten haben: Wenn unsere Kinder noch schlafen, trinken wir – wenn immer möglich – im Bett einen Kaffee miteinander und sprechen über alles, was uns auf der Seele brennt. Eine kostbare Zeit, die wir nicht mehr missen wollen. 

Also auch nach der Hochzeit gilt: Nichts für selbstverständlich halten

Liebe muss sich immer wieder beweisen. Jeden Tag. Das kann sich beispielsweise durch Zärtlichkeit oder Anteilnahme ausdrücken. Liebe kann aber auch durch gemeinsame Erlebnisse wachsen, selbst durch schwere. Wenn zwei Menschen dabei feststellen, dass sie sich aufeinander verlassen können, schweißt sie das noch mehr zusammen.

In der Liebe geht es darum, miteinander verbunden zu bleiben. Das kostet manchmal Mühe. Doch schon kleine, regelmäßige Investitionen in die eigene Beziehung sind der beste Dünger für eine stabile Einheit, die allen Widrigkeiten dieser Welt trotzen kann. Auch noch lange nach der Hochzeit.